Lexikon > Systemisches Coaching



Systemisches Coaching ist Beratung zu Fragen des beruflichen Kontextes mit dem Ziel einer Problem(auf)lösung durch konstruktiv(istisch)e Konversation.1
Coaching wird dabei als ressourcen- und lösungsorientierte Prozessberatung verstanden: Der Klient ist Experte für seine Probleme und Lösungen, der Coach ist Experte für den Weg zum Finden der Lösungen. Der Coach unterstützt den Kunden dabei, individuell passende Lösungen zu (er-)finden und gibt selbst keine Lösungen vor. Dies geschieht durch verschiedene systemische Interventionen (meist Fragetechniken sowie Metaphern, Externalisierungs- und Verflüssigungstechniken, Tetralemma, etc.). Systemisches Coaching ist zielorientiert und anhand konkreter, mit dem Kunden erarbeiteter Zielkriterien evaluierbar.
Systemisches Coaching betrachtet immer die Interaktion (Kommunikation beziehungsweise das Verhalten) im System, das heißt von mindestens zwei Personen – nicht einer ist „bad, mad or sad“.
Der Coachee (Klient) analysiert seinen „Beitrag“ und seine Möglichkeiten in der Interaktion. Dann entwickelt er Alternativen zum Problemverhalten oder zu seinen Sichtweisen (lösungs- und ressourcenorientierter Ansatz). Die Veränderungen auf Seiten des Coachee finden bezüglich seines Verhaltens und / oder seiner Sichtweisen (Konstruktionen) statt. Hierbei helfen unter anderem auch sogenannte zirkuläre Fragen – der Coachee antwortet und reflektiert dabei die Situation aus einer anderen Perspektive; oder er imaginiert die Lösung durch die sogenannte Wunderfrage. Der Klient beschreibt die mögliche/gewünschte Lösung und analysiert die Faktoren, die zu ihrer Realisierung notwendig sind beziehungsweise die Lösung bedingen. Aus diesen Erkenntnissen heraus plant der Coachee sein (neues) Verhalten und/oder verändert seine Sichtweisen (Konstruktionen) auf das Problem.
Das erste Mal wird der Begriff „Systemisches Coaching“ 1991 von Peter-W. Gester verwendet. Die Grundlagen des Systemischen Coachings bilden die Erkenntnisse der Systemtheorie (vor allem Niklas Luhmanns), die Philosophie des radikalen Konstruktivismus (Heinz von Foerster, Humberto Maturana und Ernst von Glasersfeld) und die Ansätze der Systemischen Therapie (Steve de Shazer, Insoo Kim Berg, Kurt Ludewig). Ein Modell des Systemischen Coachings ist das Kieler Beratungsmodell, das in den 80er Jahren von Uwe Grau begründet wurde. Ein weiteres Konzept des Systemischen Coachings wurden von König/Volmer aus der Systemischen Organisationsberatung, die auf der Personalen Systemtheorie (Bateson/Watzlawick) basiert, weiterentwickelt. In Wien begründete Tom Hansmann das systemisch-lösungsorientierte Coaching nach dem Wiener T-A-Z-A-Modell.
Ein spät- oder postsystemisches Coaching-Modell ist das MATRIX-Coaching (missing-link-institut). Hier werden anhand biografischer Analysen die Selbstreflexion und damit die Bedeutung lebenslauf-relevanter Daten und deren Interpretation in den Vordergrund gestellt. Damit wird auch der Zusammenhang zwischen dem Coaching-Prozess und der Person als Ganzes beleuchtet. Dies gilt sowohl für den Coach während seiner Ausbildung (Selbsterfahrung) als auch für den Klienten, wenn neben der Handlungsebene und der Ebene psychologischer Muster (Deutero-Lernen) die existenzielle oder Sinn-ebene relevant wird. Systemisch-konstruktivistische Instrumente (Tools) erhalten damit eine neue, nämlich tatsächlich instrumentelle (Werkzeug-)Bedeutung. In diesem neuen Kontext wandern sie damit aus dem Mittelpunkt in den Bereich der Hilfsmittel, die nur im übersichtlichen Kontext „in einer überlegten Partie“ (Ernst Jünger) angewendet werden.
Fischer-Epe setzt sich in der Neuausgabe von „Coching – Miteinander Ziele erreichen“ (2011) kritisch mit der Bezeichnung „Systemisches Coching“ auseinander. Sie hält dieses Label für zu einschränkend. Das Systemische sei im Coaching immer nur eine neben weiteren wichtigen Grundlagen. „Mit gleicher Plausibilität könnte man von psychologischem, konstruktivistischem, phänomenologischem, entwicklungsorientiertem, humanistischem, dialogischem, neurowissenschaftlichem oder integrativem Coaching sprechen.“ (Fischer-Epe, S. 260)
Außerdem sei die Bezeichnung „Systemisches Coaching“ verwirrend. Im Unterschied zur systemischen Organisationsberatung oder zur systemischen Familientherapie, in denen das ganze System in die Beratung einbezogen werde, könne das System im Coaching bloß reflektiert werden. „Die besondere Stärke und Bedeutung des Einzelcoachings ist aber gerade, dass hier das Individuum im Mittelpunkt steht. Die Organisation und die darin bestehenden Spielregeln, Wirkungen und Wechselwirkungen werden zwar reflektiert und der Coach kann den Coachee darin unterstützen, sich individuell besser im System zurechtzufinden und erfolgversprechender zu verhalten – und damit oft auch konstruktive Entwicklungen in seinem Umfeld anzustoßen. Aber es bleibt doch die individuelle Sicht eines Einzelnen, bestenfalls zweier Personen, auf ein System.“ (Fischer-Epe, S. 261)
Innerhalb des Systemischen Coaching bezeichnet Art Coaching die Ansicht, dass richtiges Coaching mehr sei, als nur die richtige Anwendung von gelernten Techniken und Methoden, indem die Richtung der Klientenaufmerksamkeit von Problemen zu Lösungen geändert wird, ihre Geschichten, in denen sie leben, erweitert und verändert werden und indem durch anregungsreiche Kontexte Entwicklungen angeregt und gefördert werden.2 Kreatives Coaching in Gruppen soll die praktische Sozialkompetenz fördern und die Lücke zwischen gesteckten Zielen und Alltagspraxis schließen.3 Die Parallelen zur Kunst werden dabei in der Gestaltung von sozialem Raum, Beziehung und Interaktion und dem daraus entstehenden Wachstum gesehen.45

Literatur


  • Wilhelm Backhausen und Jean-Paul Thommen: Coaching. Durch systemisches Denken zu innovativer Personalentwicklung. Wiesbaden 2003.
  • Günter G.Bamberger: Lösungsorientierte Beratung, Weinheim 2005 (3. Auflage).
  • Maren Fischer-Epe: "Coaching - Miteinander Ziele erreichen", Reinbek 2011 (vollständig überarbeitete Neuausgabe)
  • Peter-W. Gester: "Systemisches Coaching", in: Papmehl und Walsh; (Hrsg.): Personalentwicklung im Wandel. Wiesbaden 1991.
  • Eckard König und Gerda Volmer: Systemisches Coaching - Handbuch für Führungskräfte, Berater und Trainer, Weinheim 2003.
  • Michael Pohl und Michael Braun: Vom Zeichen zum System - Coaching und Wissensmanagement in modernen Bildungsprozessen. Waltrop: ISB-Verlag 2004, ISBN 978-3936083040
  • Alexander Pschera (Hrsg.): "Bunter Staub. Ernst Jünger im Gegenlicht", Berlin 2008.
  • Sonja Radatz: Beratung ohne Ratschlag; Systemisches Coaching für Führungskräfte und BeraterInnen, Wien 2000(4. Auflage 2006)ISBN 3-902155-01-9
  • Bernd Schmid: Systemisches Coaching. Konzepte und Vorgehensweisen in der Persönlichkeitsberatung, Bergisch Gladbach 2004 (2. Auflage 2006).
  • Peter Steinkellner: Systemische Intervention in der Mitarbeiterführung, Heidelberg 2005.
  • Nino Tomaschek: Systemische Organisationsentwicklung und Beratung bei Veränderungsprozessen. Ein Handbuch. Heidelberg: Carl-Auer Verlag 2006.


Verbände


  • Gesellschaft für systemische Beratung e.V. (GSB)
  • Swiss Coaching Association (SCA)
  • Systemische Gesellschaft (SG)
  • Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie (DGSF)
  • Dt. NLP Coaching Verband Systemcoach Ausbildung
  • BDVT, Berufsverband für Trainer, Berater und Coaches
  • DGCo, Deutsche Gesellschaft für Ganzheitliches Coaching
  • International Coaching Association (ICA)
  • European Coaching Association (ECA)
  • Österreichischer Coaching Dachverband (ACC-austrian coaching council)]
  • Bundesverband ausgebildeter Trainer und Berater e.V. (BaTB)



Einzelnachweise


1 vgl. Nino Tomaschek: Systemisches Coaching. Ein zielorientierter Beratungsansatz, Facultas Wien 2003, S. 19
2 Christoph J. Schmidt-Lellek: Praxeologie des Coaching: Organisationsberatung, Supervision, Coaching, VS Verlag 2008, ISBN 9783531162959, Seite 178 f.
3 Michael Pohl, Heinrich Fallner: Coaching mit System: Die Kunst nachhaltiger Beratung, VS Verlag 2010, ISBN 9783531175225, Seite 23.
4 Michael Pohl, Heinrich Fallner: Coaching mit System: Die Kunst nachhaltiger Beratung, VS Verlag 2010, ISBN 9783531175225, Seite 39.
5 Ein weiteres Beispiel dieses Begriffsverständnisses ist zu finden in:
* Herbert Eberhart, Paolo J. Knill: Lösungskunst: Lehrbuch der kunst- und ressourcenorientierten Arbeit, Ausgabe 2, Vandenhoeck & Ruprecht 2010, ISBN 9783525401590, Seite 199.


Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Systemisches_Coaching

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