Fachartikel


Psychotherapeutische Behandlung und Behinderung
von Mag. Marion Linska
Eine Behinderung kann verschiedene Ursachen haben. Sie kann bereits angeboren sein. Zumeist sind jedoch Komplikationen während der Geburt (z.B. Sauerstoffmangel, Schädel-Hirn Verletzungen) die Auslöser für spätere körperliche oder/ und geistige Behinderungen. Aber auch im Verlauf unseres Lebens können uns Schicksalsschläge wie z.B. ein Unfall oder eine organische Erkrankung plötzlich "zum Behinderten" werden lassen. Noch vor Jahrzehnten hatten Menschen mit Behinderung vor allem unter der Stigmatisierung durch die Gesellschaft selbst zu leiden. Inzwischen haben sich viele Vorurteile und Berührungsängste weiter abbauen lassen. Dazu beigetragen hat zum einen sicherlich der unermüdliche Einsatz der Eltern selbst sowie die Frühförderung, Begleitung oder Therapie durch Fachpersonal. Aber auch der gestärkte Selbstwert und Entfaltungswille von Menschen mit Behinderung, sich nicht nur mit ihrer Behinderung abzufinden, sondern darüber hinaus auch noch ihren eigenen Lebensweg zu finden und zu gestalten waren dafür ausschlaggebend. Paralympics, selbständiges Wohnen sowie Flugreisen sind heute keine "Randerscheinung" mehr. Vor kurzem wurde erstmals eine Frau mit körperlicher Behinderung zur Miss, zur Miss Iowa gekürt. Möge diese gesellschaftliche Entwicklung fortgesetzt werden. Denn jeder Mensch ist bestrebt, im Rahmen seiner Möglichkeiten und Fähigkeiten, ein sinnerfülltes Leben zu führen. Dies gilt selbstverständlich auch für Menschen mit körperlicher und/ oder geistiger Behinderung. Sich selbst anzunehmen; zu spüren, dass es gut ist zu sein und geliebt zu werden. Ein Ja zu sich als Person zu haben und offen zu sein für das Ansprechende und Herausfordernde im Leben, ist die Basis für das Erleben eines sinnerfüllten Daseins, ob nun mit, ohne oder trotz Behinderung. Wird die körperliche und/oder geistige Behinderung in der Beziehung zu sich selbst und seiner Umwelt jedoch zum unüberwindbaren Hindernis, so können emotionale Krisen, schwere Verhaltensauffälligkeiten, aber auch psychische Erkrankung und ein erhöhtes Suizidrisiko die Folge sein. Die Behinderung als solches muss dafür jedoch nicht allein auslösendes Moment sein. Psychotherapie, verstanden als eine heilsame Beziehung, kann helfen, einen neuen Zugang zu sich, seiner momentanen Lebenssituation und der eigenen Gefühls- bzw. Umwelt zu finden. In einem Prozess der Begegnung mit sich, seinem Vermögen und Unvermögen, dem Verlust und dem Wertvollen kann dann der ganz persönliche Ausdruck im Umgang mit dem Leben und der Welt gefunden werden. Um sich angenommen und verstanden zu fühlen, muss sich der Mensch als dialog- und beziehungsfähiges Wesen, keineswegs auf die sprachliche Ebene allein beschränken. Auch in der Psychotherapie kann die bewusste Miteinbeziehung weiterer Kommunikations- und Ausdrucksmittel helfen, dass sowohl die Gefühlswelt, das Gemeinsame, das Trennende als auch das Eigene entdeck- und mitteilbar wird. In der psychotherapeutischen Behandlung von Menschen mit Mehrfachbehinderung bedarf es, um eine Vertrauensbasis zu schaffen, und in Interaktion zu treten, mitunter erweiterter bzw. atypischer Settingformen. Hier ist der/die PsychotherapeutIn angefragt, vor allem auch im Austausch mit dem Lebensumfeld des/der KlientIn und den Bezugspersonen, für die Persönlichkeitsentfaltung des/der KlientIn, Raum und Möglichkeiten zu schaffen. Nicht nur für den/die Betroffene mit körperlicher und/ oder geistiger Behinderung selbst, auch für Angehörige und Bezugspersonen in helfenden Berufen, kann Behinderung zur leidvollen Erfahrung werden. Vor allem für Eltern ist es oftmals eine höchst beanspruchende und emotional sehr bewegende Herausforderung im Spannungsfeld zwischen Helfen-Können, Helfen-Wollen und Helfen-Sollen die Balance und die angemessene Rücksichtnahme, sowohl für sich selbst als auch für den Betroffenen, zu finden. Unterstützende Begleitung und Beratung ist hier ein weiterer wichtiger Bereich der psychotherapeutischen Behandlung.

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