Unsicherheit und Angst in unserer Gesellschaft

Hofbauer Stefan am 12.4.2015
So 12 Apr Je unsicherer das Selbst, desto gigantischer
seine Investitionen in Sicherheit.
(Andreas Tenzer)

Geschieht heute irgendein Unglück, sei es eine Naturkatastrophe, ein tragischer Unfall, ein Terroranschlag oder ein zum Massenmord erweiterter Suizid, können wir regelmäßig beobachten, dass sofort alle möglichen Experten und Medienleute nach noch mehr Sicherheitsmaßnahmen rufen.

Kinder lernen heute ganz selbstverständlich mit Helm und Knieschützern und spezieller Kleidung Rad zu fahren. Noch vor einer Generation gab es diese Sicherheitsvorkehrungen nicht. Wenn Jugendliche heute Alkohol trinken, wird das schnell als „Komasaufen“ bezeichnet und nach noch mehr Gesetzen gerufen. Die Genderung der Sprache, die Mülltrennung, die Ernährung – das alles wollen viele heute gesetzlich regeln. Und manchmal frage ich mich, wo da die Menschlichkeit und das miteinander Reden bleiben.

Der Zeitgeist und die Mode sind flüchtig. Für einen denkenden, selbstverantwortlichen Menschen lohnt es sich, ab und zu zu hinterfragen, was jetzt angeblich modern ist. Momentan sind wir kollektiv zu Sicherheitsfanatikern geworden. Wir wollen uns gerne gegen alles und jedes absichern, wir streben nach Perfektion und Unverwundbarkeit. Vielleicht deshalb, weil wir in unsicheren und verunsichernden Zeiten leben. Dieser Wahn ist aber unmenschlich, unnatürlich und vor allem unlebendig (vgl. Artikel „Die Sicherheits-Illusion“).

Das übermäßige Streben nach Sicherheit und Perfektion ist immer ein Anzeichen für eine Neurose. Der gesunde Mensch lässt sich auf das Leben mit all seinen Unwägbarkeiten und Unsicherheiten ein und er kann gelassen davon ausgehen, dass er mit vielen Schwierigkeiten fertig werden wird, weil ihm das auch in der Vergangenheit gelungen ist.

Werbung und Medien möchten uns gerne glauben machen, der moderne Mensch unserer Zeit sei groß, schlank, sonnengebräunt, beruflich erfolgreich, wohlhabend, wohlriechend, ständig lächelnd und 24 Stunden am Tag glücklich, mit seinem ebenso erfolgreichen Partner und seinen ein bis zwei perfekten, hochintelligenten Kindern. Unglück, Unzufriedenheit, Depression, das sei etwas für Verlierer und selbst die könnten bei erfahrenen, wissenschaftlich am neuesten Stand befindlichen und selbstverständlich ebenso erfolgreichen Therapeuten in kürzester Zeit „repariert“ werden.

Die Realität sieht leider anders aus als diese Hochglanz-Propaganda. Unglück, Unzufriedenheit, Depression, Trauma und Burnout sind nicht zu leugnende Tatsachen in unserer Gesellschaft. Dass der Arbeitsdruck und teilweise sehr unrealistische gesellschaftliche Erwartungen in vielen Menschen immer mehr Spannungen, Unzufriedenheit und Unglück produzieren, wollen wir nicht so gerne sehen. Und persönlich glaube ich, dass nur ein sehr geringer Bruchteil dieser Unzufriedenen, Unglücklichen und Depressiven ihren Weg in eine psychologische oder psychotherapeutische Praxis findet. Die meisten werden sich wohl mit Scheinlösungen wie Alkohol, Drogen oder Suizid(versuchen) „helfen“.

Nach der Erkenntnis, jener Germanwings-Kopilot hätte den A320 Airbus vorsätzlich zum Absturz gebracht, wurde schnell gemutmaßt, er könnte an Depressionen gelitten haben. Das ist interessant, weil es zeigt, dass Menschen heute wissen, dass es diese Erkrankung gibt und dass sie bisweilen schreckliche Konsequenzen hat. Weniger erfreulich ist die Tendenz der Medien, sofort mit dem Finger auf psychisch erkrankte Menschen zu zeigen und sie quasi zu entmündigen und wie oben erwähnt nach noch schärferen Sicherheitsmaßnahmen zu rufen.

Allerdings wird dabei gerne vergessen, dass eine verschärfte Sicherheitsmaßnahme, die nach dem 11.9.2001 einführt wurde, nämlich die gepanzerte Cockpittüre, mitverantwortlich dafür ist, dass niemand den Kopiloten daran hindern konnte, das Flugzeug zum Absturz zu bringen.

Wie wäre es denn, wenn wir auch auf politischer und gesellschaftlicher Ebene nicht ständig nur Symptome bekämpfen würden und uns einmal fragten, woher die Angst und das scheinbar zunehmende Unsicherheitsgefühl vieler Menschen kommen? Was macht, ohne jetzt irgendetwas entschuldigen zu wollen, einen Menschen so unglücklich und verzweifelt, dass er ein Flugzeug vorsätzlich zum Absturz bringt und 149 Menschen mit in den Tod nimmt? Was erzeugt in Menschen so hohe Aggression, dass sie Amok laufen und eine ganze Schulklasse ermorden?

Gründe dafür dürften einerseits psychische Vorbelastungen (insbesondere Selbstwertprobleme und Depression), anhaltende Ausgrenzungs- und Demütigungserlebnisse und ein mentales Gewalttraining zum Beispiel durch gewalttägige Video- und Computerspiele sein. Ein zusätzlicher Belastungsfaktor sind oft fehlende soziale Beziehungen (Bauer, 2013).

Dies bedeutet auch, dass wir durch mediale Stigmatisierung von sogenannten Verlierern (was immer das sein soll) den nächsten Amoklauf bereits mit-verursachen! Durch das Rufen nach Kontrolle und Verschärfung von Sicherheitsvorkehrungen anstatt des Versuches auf die Unglücklichen zuzugehen und ihnen Hilfe anzubieten, gießen wir Öl in das Feuer des kollektiven Unglücks. Jede Ausgrenzung eines anderen Menschen, jedes Mobbing und jede Demütigung produziert noch mehr Unglück und könnte im allerschlimmsten Fall dazu führen, dass unsere gemobbter Kollege eines Tages Amok läuft.

Die entscheidende Frage an dieser Stelle ist, wie man Menschen erreichen kann, denen es nicht gut geht. Denn sowohl aus Kostengründen als auch aus Gründen einer gesellschaftlichen Stigmatisierung von Psychotherapie wird wohl nur ein kleiner Teil jener Unglücklichen sich an einen Psychotherapeuten wenden.

Das Stigma in eine Psychotherapie zu gehen ist nach wie vor vorhanden, auch wenn das österreichische Psychotherapiegesetz in wenigen Monaten bereits 25 Jahre alt wird. Und der Titel „PSYCHOtherapeut“ alleine könnte dafür verantwortlich sein, dass viele Menschen keine Hilfe in Anspruch nehmen oder sie zum Teil an weniger geeigneten Stellen und bei weniger gut ausgebildeten Personengruppen zu suchen beginnen.

Die Tatsache aber, dass jemand überhaupt Hilfe sucht, ist häufig bereits die Hälfte des Weges aus einer psychischen Erkrankung heraus. Und in diesem Sinne beginne ich mich manchmal zu fragen, ob wir uns gegen vermeintlich unseriöse Angebote von Energetikern, Schamanen, Lebensberatern, Astrologen, etc. wirklich so rigide abgrenzen sollten wie das in Österreich der Fall ist. Ist es nicht ein gutes Zeichen, dass jemand überhaupt Hilfe sucht? Und wissen wir nicht aus der Psychotherapie-Forschung, dass unspezifische Wirkfaktoren wie die Beziehungsqualität zwischen Therapeut und Klient und das vorbehaltliche Akzeptieren des Klienten sich als bedeutend wirksamer herausstellen, als methodenspezifische Besonderheiten? Daher wird wohl ein Energetiker oder Lebensberater, der Menschen wirklich mag und ihnen in Liebe begegnet, häufig genauso wirksam sein können wie ein Psychotherapeut, auch wenn ich weiß, dass das viele Berufskollegen vielleicht nicht gerne hören.

Vielleicht wäre es an der Zeit, die Zusammenarbeit zwischen allen helfenden Berufsgruppen zu fördern und zu unterstützen anstatt sie aus „Brotneid“ oder Standesdünkel heraus zu verbieten? Denn selbst dann, wenn ein Mensch bereit ist, Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist es nicht jedermanns Sache, in einer jahrelangen Psychotherapie „Grabungsarbeiten“ in der eigenen Psyche vorzunehmen. Als Psychotherapeuten wissen wir ja auch, dass es keine General-Methode für ein bestimmtes Problem gibt, sondern dass streng genommen die Psychotherapie für jeden Klienten neu erfunden werden muss.

Eine bessere Kommunikation zwischen unterschiedlichsten helfenden Berufsgruppen, ein vorurteilsfreies aufeinander Zugehen und sich Austauschen würde allen Berufsgruppen auch helfen, Hilfesuchende gegebenenfalls zum richtigen Experten zu schicken. Neid, irrationale Abgrenzungsversuche und Vorurteile bringen uns nicht weiter und am wenigsten bringt es Hilfesuchende weiter.

Wenn es also unser Ziel ist, das Leiden und das Unglück in unserer Gesellschaft zu reduzieren, dann sollten wir alles versuchen, um jene Menschen zu unterstützen, die sich wirklich auf die Suche nach Hilfe machen. Und bisweilen braucht es nicht einmal Experten, die einfache Frage: „Geht es Ihnen nicht gut? Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“, reicht oft schon aus, um einem Menschen das Gefühl zu geben, er wird gesehen und er ist nicht allein.

Wenn die Reaktion auf unsere Unsicherheit und unsere Angst angesichts von Unfällen, Amokläufen und Terroranschlägen sehr viel öfter die Frage wäre: „Was kann ICH tun“ anstatt „Was können die ANDEREN (die Politik, die Behörden, die Sicherheitskräfte) tun“ kämen wir wahrscheinlich einen großen Schritt weiter in Richtung mehr Mitmenschlichkeit. Die Erkenntnis, dass das Leben unsicher und gefährlich ist, könnte uns dann zu mehr Kooperation und Mitgefühl anspornen, anstatt uns in Phantasien von absoluter Sicherheit und Perfektion zu ergehen.

Literatur
Bauer, Joachim (2013). Schmerzgrenze. Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt. Heyne Verlag.


www.gestalttherapeut.com
Aggression Angst Germanwings Kopilot Gewalt Perfektionismus Sicherheitsbedürfnis Unglücklichsein
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